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Goethe-Universität Frankfurt
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Myliusstraße 20, 60323 Frankfurt am Main Innenstadt, N 50° 07.181' E 008° 39.716'

Margarete Mitscherlich lebte von 1968 bis 2012 in der Myliusstr. 20

Mit der Übersiedlung des Analytiker-Ehepaares Alexander Mitscherlich (1908-1982) und Margarete Mitscherlich-Nielsen (1917-2012) von Heidelberg nach Frankfurt erlebte die Stadt 1967 eine doppelte wissenschaftliche und intellektuelle Bereicherung. Sieben Jahre zuvor war der Arzt und streitbare Intellektuelle bereits Gründungsdirektor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts geworden.

Geboren 1908 in München, aufgewachsen im bayrischen Hof als einziger Sohn eines Fabrikanten, hatte er 1928 an der Münchener Universität ein Geschichtsstudium begonnen. Später ging er nach Berlin, war Buchhändler und Lektor und nahm Kontakt mit nationalrevolutionären Kreisen um Ernst Jünger und Ernst Niekisch auf. Nach einer mehrmonatigen Haft machte er 1938 Ernst mit dem Entschluss, „in die Medizin auszuweichen“. Er wurde Assistent des Neurologen Viktor von Weizsäcker, der in Heidelberg eine ganzheitliche, psychosomatische Medizin vertrat.

Mit dem Ende des Krieges begann für den politisch Unbelasteten eine Zeit vielfältiger Aktivitäten. Im Auftrag der Ärztekammern leitete er eine Kommission zur Beobachtung des Nürnberger Prozesses gegen NS-Ärzte. Eine von ihm und seinem Mitarbeiter Fred Mielke noch während des Prozesses veröffentlichte Dokumentation trug ihm von manchen Ärzten den Vorwurf öffentlicher Rufschädigung ein. Gleichzeitig erwarb er dadurch Bekanntheit und moralische Reputation.

Dank finanzieller Förderung durch die Rockefeller Foundation gelang ihm die Gründung einer Abteilung für psychosomatische Medizin an der Heidelberger Universität. Zentrale Bedeutung hatte dabei für ihn die Freudsche Psychoanalyse, weil die Theorie des Unbewussten einen Schlüssel sowohl zu individuellen als auch zu gesellschaftlichen Problemen bot.

Den Höhepunkt seiner Popularität markierte eine Reihe von Bestsellern. Der erfolgreichste – „Die Unfähigkeit zu trauern“ – erschien 1967 als Gemeinschaftsarbeit des Analytiker-Paars. Damit begann Margarete Mitscherlich-Nielsen aus dem Schatten ihres Mannes hervorzutreten. Die Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin hatte Anfang der 1950er Jahre nach ihrer medizinischen Ausbildung eine psychoanalytische begonnen. Während zweier Jahrzehnte war sie – unentgeltlich – nicht nur für die von Mitscherlich gegründete Zeitschrift „Psyche“ tätig, sondern auch Mitarbeiterin seiner Institute in Heidelberg und Frankfurt, unter anderem als Lehranalytikerin.

Während eines einjährigen Aufenthalts in den USA machte sie Bekanntschaft mit der dortigen Frauenbewegung. Nach der Rückkehr veröffentlichte Mitscherlich-Nielsen 1972 ihr erstes eigenes Buch: „Müssen wir hassen?“ Es setzte demonstrativ mit einem Essay über „Emanzipation und Sexualität der Frau“ ein. Damit begann sie Psychoanalyse und Feminismus zusammenzuführen. Die Macht gesellschaftlicher Rollen-Muster und -Zuschreibungen bewusst zu machen und infrage zu stellen bildete das Ziel ihrer Publikationen, mit denen sie ähnlich mentalitätsprägend wirkte wie zuvor ihr Mann.

(RW)

Mitscherlich, Margarete
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